INTERVIEWS UND GESCHICHTEN — "Hier können wir das Leben genießen"
INTERVIEWS UND GESCHICHTEN

Die Interviews konzentrieren sich vorrangig auf die Fragen der Motivation zum Wohnen in diesem Viertel, die eigene Lebenssituation, das Lebensgefühl und die Lebensperspektive

INTERVIEW MIT BERTRAM JANISZEWSKI,

Verfasser des Buches „Das alte Hansaviertel in Berlin“ im November 2006

Wir leben seit 1978 im Hansaviertel. Unsere erste Wohnung hier befand sich in dem „schwarzen Haus“ an der Spree, am Schleswiger Ufer. Dort hatten wir mit unseren Kindern zusammen eine große Wohnung. Als 1996 alle Kinder aus dem Hause waren, sind wir mitten ins Hansaviertel, gleich gegenüber der Akademie der Künste, gezogen. Die Wohnung hatten wir kurz vor der Wende erworben, sie war als unser „Alterswohnsitz“ gedacht, war zunächst noch vermietet. Als die Vormieter dann aus Altersgründen die Wohnung aufgaben, sind wir eingezogen. Die Wohnung hat übrigens 98 Quadratmeter.
Unser Tiergarten und die Gegend drum herum
Gerade zu der Zeit, als es schwierig und aufwendig war, aus Westberlin auszureisen, war der Tiergarten sehr oft der Bereich, den wir mit unseren Kindern, je nach Alter, viel besucht und wo wir die Spielplätze intensiv genutzt haben. Wir sind natürlich auch an die Havel oder woanders hin, an die Peripherie der Stadt gefahren. Für den Alltag war der Tiergarten für meine Frau und die Kinder ganz, ganz wichtig.
Mein Arbeitsplatz lag im Süden Berlins, doch wir blieben hier im Hansaviertel wohnen schon der persönlichen Kontakte und Freundschaften wegen, vor allem wegen der Nähe des Tiergartens. Natürlich hätten wir etwas aus dem Zentrum der Stadt hinausziehen können, aber wichtiger war uns stets diese Kombination, schnell mal im Tiergarten eine Runde zu drehen, und die Nähe zum Urbanen. Diese beiden Möglichkeiten so nah beieinander, das ist schon schön. Man ist schnell in der Zoo-Gegend, kann ins Theater oder ins Kino gehen. In die Philharmonie, wo wir seit Jahrzehnten ein Abonnement haben, laufen wir meistens quer durch den Tiergarten. Zu allem kommt noch die Qualität des Hansaviertels als ganz durchgrünter Wohnbereich. Diese Wohnlage war für uns mehr und mehr unverzichtbar.
Als dann die Wende kam, haben wir überlegt, ob wir für die Zeit, wenn unsere Kinder aus dem Haus sind, doch weiter außerhalb uns eine Wohnung suchen. Da taten sich ganz neue Möglichkeiten auf. Aber wir blieben dem Hansaviertel treu. Gerade jetzt, da wir mehr Zeit haben, können wir die kulturellen Möglichkeiten im neuen alten Zentrum nutzen; ob Liebermann-Haus, Zeughaus mit Pei-Bau oder die vielen Angebote der Museumsinsel - alles ist von hier aus schnell erreichbar.
Für uns ist es wichtig, z. B. ganz spontan sagen zu können, daß wir heute die Oper besuchen wollen, dort hinfahren, und wenn wir dann keine Karten bekommen, trinken wir ein Glas Wein in einem der Restaurants dort. Das alles kann man nicht so einfach machen, wenn man in Lichterfelde oder Zehlendorf wohnt.
Den ganzen Grundbedarf des täglichen Lebens für den Haushalt, können wir hier in der Nähe decken. Braucht man mal etwas Ausgefalleneres, dann ist man schnell im KaDeWe oder in irgendeinem Spezialgeschäft. All diese Wege machen wir problemlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir haben kein Auto. Für Ausflüge ins Umland wäre ein PKW praktisch, aber wir haben uns vollständig auf die öffentlichen Verkehrsmittel eingestellt. Für den näheren Bereich nutzen wir das Fahrrad. In der wärmeren Jahreszeit fahre ich gern mit dem Rad durch den Tiergarten ins KaDeWe. Das ist dann ein kleiner Ausflug. Gern stellen wir unsere Fahrräder in die S-Bahn oder in einen Regionalzug , um dann Radtouren in Brandenburg zu unternehmen.
Unsere sozialen Kontakte
Unsere Kinder sind aufs Canisius-Kolleg gegangen. Dort waren nicht nur Schulkinder, die im engeren Einzugsbereich wohnten, sondern sie kamen aus der ganzen Stadt dorthin. So waren sie auch mit Kindern, die nicht aus dem Hansaviertel kamen, zusammen. Unsere Kontakte am Ort waren und sind stark durch Zugehörigkeit zur Kirchengemeinde geprägt. Zu den Veranstaltungen dort und zu den Menschen. Gerade zu den Zeiten der Erziehung unserer Kinder waren uns die Kontakte zu anderen jungen Familien und entsprechende Angebote der Gemeinde wichtig. Wir haben jetzt noch Kontakt mit den Mitgliedern unseres Familienkreises, der sich inzwischen seit über 30 Jahren trifft. Selbst heute sehen wir uns immer noch einmal im Monat. Damals ging es eben um die Kinder. Es wurde gemeinsam mit ihnen z. B. Advent, vorbereitet, Fasching gefeiert und alles, was man sich so an Kinderfesten, die häufig auch mit Kirchenfesten zusammen fallen, vorstellen kann. Heute sind wir besonders interessiert an den guten ökumenischen Kontakten und Gesprächen zwischen den Christen der beiden Konfessionen hier im Hansaviertel.
Unsere Arbeitsplätze
Ich habe in einem Berliner Krankenhaus gearbeitet und war Mitglied im Direktorium. Zu meinem Arbeitsplatz im Süden der Stadt hatte ich ca. 30 Minuten Anfahrtszeit, doch mein Arbeitstag war sehr lang, so daß ich tagsüber fort war. Meine Frau ist Sozialarbeiterin und hat, als die Kinder kamen, erst einmal aufgehört zu arbeiten. Als unsere jüngste Tochter dann alt genug war, hat meine Frau eine Aufgabe beim Caritasverband übernommen. Es handelte sich um eine Teilzeitbeschäftigung, so daß sie nachmittags in der Regel für unsere Kinder da sein konnte.
Mein Buch über das alte Hansaviertel
In der Anfangszeit meines Ruhestands habe ich das Buch über das alte Hansaviertel geschrieben.
Ich wollte wissen, wie es früher hier rundherum ausgesehen hat. Mir war sehr wohl bekannt, daß hier vor dem Krieg ein Wohnviertel bestanden hatte. Viel Berliner wissen das heute ja nicht mehr. Auf der Suche nach Bildern des alten Hansaviertels habe ich schon einiges Sonderbare erlebt. Mitarbeiter von Archiven haben mich zum Beispiel gefragt, warum ich immer „altes Hansaviertel“ sage. „Das ist doch erst in den 50iger Jahren in den Tiergarten hineingebaut worden.“ Dass selbst Fachkräfte dies nicht besser wussten, hat mich überrascht. Das alte Viertel war also weithin vergessen. Von meinen Eltern, die Bekannte und Freunde im alten Hansaviertel gehabt haben, wusste ich um die Schönheit des untergegangenen Viertels und seine besondere Bevölkerung.
Im Rahmen meiner Recherchen nahm ich auch Kontakt zum damaligen Heimatarchiv Tiergarten auf. Auf meine Frage nach Bildern aus dem alten Hansaviertel hat man mir eine Schublade mit vielen kleinformatigen Fotos gezeigt, die Bewohner aus dem Bezirk im Laufe der letzten Jahrzehnte aus Nachlässen dort abgegeben hatten, darunter Familienfotos und zahlreiche Bilder von Ruinen. Manchmal waren sie mit Anschriften versehen, auch aus dem zerstörten Hansaviertel. Ich bin dann zur technischen Universität, in die Bibliothek der Fakultät für Architektur gegangen. In den Fachzeitschriften der 80iger Jahre habe ich geblättert und mich ein-, schließlich richtig festgelesen. Ich stieß auch auf eine Bibliografie und fand so immer mehr Material.
Zunächst habe ich das nur aus eigenem Interesse, eben für mich betrieben. Aber mehr und mehr stellte ich fest, daß meine Untersuchungen weit über das ursprüngliche Interesse hinaus reichten.
Ich fand immer mehr Material zu den Bauten und zur Architektur des alten Hansaviertels. Mir wurde deutlich, wie viele der Häuser von anerkannten Architekten aus der damaligen Kaiserzeit gebaut worden waren; Architekten, die z. B. große Kirchen in unserer Stadt oder die bekannten Bahnhöfe der Stadtbahn u. a. gebaut hatten. Infolgedessen gab es in den Architekturzeitschriften Beiträge über einzelne neu entstandene - oft aufwendige - Häuser. Hätten hier nur unbekannte Architekten gebaut, wären kaum so viele Veröffentlichungen erschienen.
So wurde meine Neugier weiter geweckt und ich wollte wissen: Wer hat dort eigentlich gewohnt? Als nächstes habe ich also im Einwohnerregister recherchiert. Eingehende Erhebungen habe ich u. a. über die damalige Brückenallee vorgenommen, und zwar für das Jahr 1900. Zu der Zeit war die Bebauung abgeschlossen. In dem seinerzeitigen Register waren klare Berufsangaben zu finden z. B. Offizier, Bankier, Kaufmann, Privatier, Rentier oder Hauseigentümer. An den Namen konnte man jüdische Einwohner und ihren Bevölkerungsanteil im Viertel identifizieren. Wenn da z. B. ein alttestamentarischer Vorname in Verbindung mit Hirsch stand, dann war das für die damalige Zeit ganz klar. Aber heute haben zum Beispiel auch meine Enkelkinder jüdische Vornamen. Jüdische Einwohner wären also heute viel schwieriger zu identifizieren. Der Anteil der Juden im alten Hansaviertel war übrigens etwa doppelt so hoch wie im gesamtberliner Durchschnitt. Es war auch überraschend für mich, immer wieder bekannte Namen von Künstlern und Wissenschaftlern zu finden, die hier gewohnt haben.
Bald hatte ich so viel Material und Wissen angesammelt, daß ich entscheiden musste, was ich weiter damit anfangen will. Ich habe eine Gliederung des Stoffs vorgenommen, ein Konzept zu einem Buch entwickelt und habe verschiedene Verlage angeschrieben - in erster Linie die, die Bücher zum Thema Berlin auflegen. Es gab drei Interessenten, von denen einer besonders interessiert war. Mit dem habe ich das Buch dann auch gemacht. Ob es der beste Verlag war, das weiß ich nicht. Na ja, und der hat dann zeitlich erheblichen Druck gemacht, was mir wenig gefallen hat. Eigentlich wollte ich ja nun auch wieder nicht, daß all das so in Arbeit ausartet. Manuskript und Bilder waren in 18 Monaten abzuliefern. Da musste ich ganz schön ran, aber es hat auch Spaß gemacht.
Im Herbst 2000 war alles fertig und das Buch erschien im Handel. Der Titel:
Das alte Hansaviertel in Berlin, Gestalt und Menschen
Die Auflage lag bei 2.500 Stück. Das Buch war wegen der zahlreichen Bilder relativ teuer. Inzwischen gibt es eine 2. Auflage, die über den Buchhandel oder unseren Online-Shop erhältlich ist.

© 2009 Bürgerverein Hansaviertel e.V.